Datenschutz-Basilisk (4): «Proleete» in der Öffentlichkeit

Reto Fässler darf über seinen Departementsvorsteher denken, was er will. Er darf es auch im Zug seiner Kollegin anvertrauen. «Anvertraut» ist es aber nicht mehr, wenn andere zuhören und sich ihren Reim auf das Gehörte machen können, sondern vielleicht sogar strafbar.

Fabienne Wolf hat versucht, das Thema zu wechseln. Es ist ihr etwas unwohl, seit Reto Fässler, der neben ihr im Zug nach Bern sitzt, sich darüber aufregt, wie es mit dem Projekt ihrer Dienststelle läuft. 

Reto Fässler ist nicht zu halten: «Offenbar hat sich der Departementsvorsteher nun geweigert, den Antrag dem Regierungsrat vorzulegen. Darüber hat sich unsere Chefin furchtbar aufgeregt, weil er sich aus politischem Eigennutz über ihre besseren Argumente hinweggesetzt hat.»

«Na ja», meint Fabienne Wolf, «wir haben ja auch unsere Bedenken gehabt, oder?»

Die haben alle Schiss!

«Das ist doch etwas anderes! Die haben doch einfach Schiss, dass sie jemandem vor den Wahlen auf den Schlips treten könnten!», ereifert sich Reto Fässler. 

Fabienne Wolf bedeutet ihm, nicht so laut zu sprechen. Sie merkt, dass Leute im Nachbarabteil die Ohren zu spitzen beginnen.

Aber Reto Fässler lässt seinem Unmut freien Lauf: «Du musst doch zugeben: Es wäre genial gewesen, das Projekt jetzt noch durchzuziehen. Wenn noch mehr gespart werden muss, haben wir damit keine Chance mehr!»

«Ich finde das Projekt ja auch gut, aber etwas teuer ist es dennoch», wendet Fabienne Wolf ein.

«Hallo!?! Jetzt kommst du auch noch so? Hast Du jetzt auch die Seite gewechselt? Du bringst ja schon die gleichen Argumente wie ...» 

Mitten im Satz verstummt er – den Mund immer noch offen.

«Guten Morgen. Und du kannst den Mund ruhig schliessen», meint das grüne Tier, das plötzlich neben ihm sitzt. 

«Der Datenschutz-Basilisk!», entfährt es Reto Fässler. Was will der bloss hier?

 1 + 1 zusammenzählen

«Interessant, was du zu erzählen hast», meint dieser.

«Ich habe ja gar keine Namen genannt!», verteidigt sich Reto Fässler, der gemerkt hat, worauf der Basilisk hinaus will – so einfach lässt er sich nicht in die Enge treiben.

«Hättest du als nächstes gerade einen Namen nennen wollen? Und hast du das Gefühl, ein Zuhörer hier im Zug kann nicht 1 + 1 zusammenzählen»

Reto Fässler sieht, wie der Typ auf der anderen Seite des Ganges ein Grinsen zu verkneifen versucht.

«Und meinst du, jemand, der nur eine leise Ahnung von der Basler Verwaltung hat, weiss dann nicht, wer deine Dienststellenleiterin ist? Oder dein Departementsvorsteher?»

«Ich habe versucht, ihn zu bremsen», versucht Fabienne Wolf sich zu verteidigen.

«Ja, aber offensichtlich nicht sehr erfolgreich! Und es geht nicht nur um Namen – ist es an euch, dieses Projekt in der Öffentlichkeit bekannt zu machen?», fragt der Datenschutz-Basilisk.

«Aber das Projekt ist genial!», verteidigt sich Reto Fässler.

«Vielleicht. Aber ob es gestartet wird, habt nicht ihr zu entscheiden, sondern der Regierungsrat. Und der bestimmt dann auch, wie das kommuniziert wird, oder? Und vorher gilt das Amtsgeheimnis – wer es verletzt, kann bestraft werden ...»

Aufpassen

Fabienne Wolf schluckt. «Wir sollten also aufpassen, was wir in der Öffentlichkeit herumerzählen!» 

«Und das Öffentlichkeitsprinzip?», murmelt Reto Fässler etwas beleidigt.

«Das sagt nicht, dass jeder aus der Verwaltung alles ausplaudern darf!», erinnert sich Fabienne Wolf an die vorletzte Nummer von BS intern.

«Und Deine Meinung über deinen Departementsvorsteher», wirft der Datenschutz-Basilisk ein, «hat auch nichts damit zu tun. Apropos: Habt ihr mitbekommen, dass er drei Abteile weiter vorn sitzt?»

Glück gehabt!

Mist, denkt Reto Fässler. Ein vorsichtiger Blick über den Sitz zeigt ihm, dass der Departementsvorsteher tatsächlich dort vorne sitzt. Er ist aber in ein angeregtes Gespräch vertieft und scheint nichts mitbekommen zu haben. Uff, Glück gehabt – er will dem Datenschutz-Basilisken komplizenhaft zublinzeln, aber der – plopp! – ist schon weg.

PS. Das Gespräch zwischen Fabienne Wolf und Reto Fässler hat so nicht stattgefunden. Aber ein regelmässiger Zugfahrer muss zugeben, dass es genau so hätte stattfinden können.